Früh
ging es heute los: Aufstehen, duschen (was ich mir angesichts
der Hitze heute auch hätte sparen können),
zur Autovermietung, die Jungs holen, Wagen einladen,
losfahren: 9:30 Uhr. Wie geplant. Kleine Schweißperlen
auf der Stirn. John holen wir wie üblich, wenn
es nach Osten geht, an einem strategisch günstigen,
vorher vereinbarten Treffpunkt ab. In der dortigen Filiale
einer bekannten amerikanischen Fast Food-Kette, die
mit „B“ anfängt und „urger King“
aufhört wird Sonja von einem Fan als sie selbst
entlarvt. God, we are famous! Zumindest eine von uns.
Des weiteren erkennen wir eine der Verkäuferinnen
dort als ein uns bekanntes Gesicht wieder. Ob sie sich
wohl auch an uns erinnert? Werden sie beim nächsten
Mal fragen. Genug der Worte, lasst Taten folgen - will
sagen: weiter geht’s. Dresden ist eine schöne
Stadt, sogar wenn man sich darin verfährt. Schließlich
sitzt der „Lord“, seines Zeichens Merch-
und Fanbeauftragter, irgendwann doch sicher in unserer
Mitte. Tiefer, immer tiefer dringen wir in den
Osten vor. In Polen nehmen wir wie vom Routenplaner
unseres Vertrauens vorgeschlagen die Landstraße,
was natürlich etwas dauert. Dafür bekommen
wir was von der sehr schönen Landschaft zu sehen:
Polizistenatrappen und angekettete Kühe inklusive
(später dazu mehr). Der warme Fahrtwind lindert
ein wenig die Pein der Hitze, nachdem die Klimaanlage
bereits nach kurzer Zeit kapituliert hat.
Punkt 18:00 Uhr passieren wir die Ortseinfahrt von Bolkow,
bereits hier sehen wir viele schwarze Gestalten. Problemlos
finden wir den Weg in die Altstadt und den dortigen
Marktplatz – schwarz, soweit das Auge reicht.
Die Goten liegen im Schatten der Bäume auf dem
Rasen, das alles macht in der Nachmittagssonne und einer
Gluthitze, gepaart mit gefühlten 375% Luftfeuchtigkeit
einen sehr gemütlichen Eindruck. Den ersten, den
wir erkennen, ist Matt Howden (SIEBEN), den wir sehr
herzlich begrüßen. Oder er uns. Egal, wir
freuen uns sehr, ihn zu sehen. Beinahe hätten wir
auch beide in der Kirche gespielt. Schade, so sehen
wir ihn wieder nicht – bereits beim WGT hielt
uns der veranschlagte Zeitplan davon ab, seiner beeindruckenden
Performance beizuwohnen. Kurze Zeit später treffen
wir auf Mirek, der bereits die Prag-Konzerte für
PERSEPHONE organisiert hat und auch im Veranstalterteam
der Castle Party ist. Zügig bauen wir auf und machen
einen Soundcheck, der nicht nur von einem amerikanischen
Filmteam begleitet wird, sondern auch von Passanten,
die durch das Gitter am Eingang der Kirche vorsichtige
Blicke riskieren. Die Akustik erweist sich als ausgezeichnet,
charakterlich sehr erhaben.
Das Konzert: Als ich den Kirchenraum betrete, bin ich
sehr beeindruckt von der Vielzahl der Menschen, die
diesem Konzert heute beiwohnen. Abgesehen davon habe
ich noch nie so viel Presse auf einem Konzert erlebt,
gleichermaßen beeindruckt mich der professionelle
Umgang mit den Fotografen: Nach zwei Songs geht der
erste Schub an Pressefotografen und macht Platz für
den zweiten, der nach weiteren zwei Songs ebenfalls
abtritt. Ist zwar kurz ein wenig Unruhe, zum Glück
aber schnell vorbei. Die Besucher scheinen das Konzert
sehr zu genießen und danken uns jeden unserer
Songs mit lang anhaltendem Applaus. Alles in allem läuft
es sehr gut, auch wenn es manchmal ein wenig ungewohnt
ist, aufgrund der Akustik manche Songs langsamer zu
spielen als gewohnt. Die Aufmerksamkeit des Veranstalters,
Sonja nach Abschluss des Konzerts einen Strauß
Blumen zu überreichen kommt sehr gut an und Sonja
stürzt sich voller Euphorie und noch im Bühnenkleid
in das Interview mit dem Filmteam. Schnell müssen
wir zusammenräumen, da die Küche des Hotels
im Schließen inbegriffen ist und extra wegen uns
seine Pforten noch etwas länger geöffnet hält.
Glücklicherweise können wir unsere Sachen
über Nacht in der Kirche lassen – in Polen
vermutlich der sicherste Ort. Im Hotel angekommen fallen
wir erschöpft in die Sessel und widmen uns dem
wohlverdienten Mahl und dem noch wohler verdienten eiskalten
Bier. Danach zerstreut sich die Runde – einige
wollen noch das Festival-Gelände erkunden, andere
geben sich der aufkommenden Müdigkeit in Form von
Schlafen hin, der Rest wird der Ankunft von GARDEN OF
DELIGHT gewahr und lässt den Abend in gemütlicher
Runde ausklingen.
Am nächsten Tag wollen wir doch nicht so ohne
weiteres sofort aufbrechen und nehmen die Burg etwas
genauer unter die Lupe, obwohl dort noch kein Programm
ist und der ganze Tross erst am Erwachen ist. Es ist
ein sehr schöner Ort mit einem gigantischen Ausblick
über die gesamte umliegende Umgebung. Eine Empfehlung
für reisefreudige Goten. Die Betreuung durch
Veranstalter und Crew war hervorragend und hierfür
sprechen wir gesammelt unseren Dank aus. Wir kommen
gerne wieder.
Die Rückfahrt ist – lang; wenn auch nicht
ereignislos. Bereits von der aufkommenden Hitze niedergestreckt
döst jeder vor sich hin, als ein Aufschrei des
Erstaunens den Bus füllt.
Ich schrecke hoch, höre seitens Sonja nur so
was wie „Mei, is des liab“ und versuche,
durch meine vom Schlaf verklebten Augen einen Blick
auf das zu erhaschen, was denn so „liab“
sein soll. Ich befinde das dann eher für skurril:
Auf dem Seitenstreifen kommt uns eine Kuh entgegen,
die sich offenbar von ihrer Kette befreit hat und
nun in lockerem Trab den Weg der Freiheit beschreitet.
Erstaunt, wenn auch scheinbar unbeeindruckt setzt
John (am Steuer) den Weg fort, weiter Richtung Heimat,
testet noch kurz, ob der Wagen auch ABS hat (hat er
nicht) und nach einiger Zeit sind wir in Dresden angelangt,
wo uns der Lord wieder verlassen wird. Wir nutzen
die Gelegenheit, um Sonjas bereits gegen 11:00 Uhr
geäußerten Wunsch nach einem Biergarten
entgegenzukommen und nehmen in selbigem Platz, genießen
die Stunde der Entspannung und fahren dann schließlich
weiter nach Westen. Weiter, immer weiter, der untergehenden
Sonne entgegen...
Martin