Prolog in Hessen
Es war ein schwüler, unheilvoller Sommerabend,
als man in einem heruntergekommenen und stark degenerierten
Gemeinwesen des Rhein-Main-Gebietes neun gebückte,
dunkel gekleidete Gestalten beobachten konnte, die
sich verstohlen und emsig bemühten, eine Kutsche
mit allerlei seltsamen Gerätschaften zu beladen.
Plötzlich trennten sich drei Gestalten vom Rest
der Gruppe, und verschwanden schleichend und fauchend
im Labyrinth der fauligen Gassen.
Kurz darauf öffneten sich die Himmel, und der
Zorn der Götter entlud sich in Form einer Urflut
aus Wasser und Eis über den urbanen Sündenpfuhl.
Die Drei blieben bis auf weiteres verschollen und
wurden nur von den zurückbleibenden, mittlerweile
laut knurrenden Mägen leidenschaftlich vermißt
und sehnsüchtig besungen.
Vier der Verbliebenen waren gefangen in einem stinkenden,
durch den Wassereinbruch abgeschnittenen Durchgang
und machten sich mit gebrochenen Stimmen gegenseitig
Mut, angesichts des drohenden Kälte- und Hungertodes
nicht die Hoffnung zu verlieren.
In der warmen und herrschaftlich eingerichteten Grotte
hingegen freuten sich die restlichen Zwei über
die trockene, behagliche Zuflucht und nutzen die Zeit,
ungestört ihre geheimen finsteren Absprachen
zu treffen... Erst sehr viel später konnte man
die neun Gefährten beobachten wie sie einige
Photographien anfertigten, hastig die Kutsche bestiegen
und in hoher Geschwindigkeit nach Norden fuhren. Man
erwartete sie bereits.
1. Das Gasthaus
Unser Fahrer bemühte sich nach Kräften, die
verlorene Zeit wieder einzuholen und schaffte es wie
durch ein Wunder, unseren Wagen bis an den Rand der
Lichtgeschwindigkeit zu bringen. Vereinzelt und zögerlich
wurden Befürchtungen laut,
der Wagen sei für intergalaktische Geschwindigkeiten
nicht geeignet - Doch außer einem Rückspiegel,
der sich im Raum-Zeit-Kontinuum aufzulösen drohte,
erreichten wir die erste Station unserer gemütlichen
kleinen Reise ohne größere Verluste.
Gegen 2.00 Uhr erreichten wir ausgeruht und erfrischt
von der Fahrt das berühmte Gasthaus zu Wernigerode;
bekanntermaßen ein international renommiertes
Luxushotel erster Klasse und ein weiteres Beispiel
dafür, daß auch in der DDR architektonische
Wunderwerke keine Seltenheit waren.
Im gewaltigen Foyer wurden wir von einem freundlichen
Herrn mit vorbildlichen Manieren und frisch gebügelter
Uniform empfangen, der uns trotz der späten Stunde
freudestrahlend begrüßte und nur mit Mühe
davon abzubringen war, unser Gepäck eigenhändig
auf unsere Zimmer zu tragen. Von einem Bandmitglied
wurde mir zugetragen, daß dieser generöse
Dienstleistungsprofi auch die extravagantesten Wünsche
seiner Gäste diskret zu erfüllen weiß.
Ausgeschlafen und gut gelaunt -man hatte uns bezüglich
der Räumung der Zimmer keinerlei Druck gemacht-
nahmen wir am nächsten Morgen unser Frühstück
ein und machten einige Erinnerungsphotos, während
die uniformierten Pagen unser Gepäck zum Wagen
brachten.
2. Das Schloß
Am frühen Nachmittag erreichten wir voller Spannung
endlich das Ziel unserer Reise und hielten, umjubelt
von Palmenzweigen schwingenden Besuchern und Touristen,
unseren glorreichen Einzug in das „Schloß
Wernigerode“. Wir waren entzückt von der
Pracht und dem märchenhaften Charme des alten
Schlosses und nutzten unsere Begeisterung für
einige Schnappschüsse. Anschließend ließen
wir unser Gepäck von den buckligen Lakaien auf
unsere Gemächer bringen. Da wir beabsichtigten,
(abgesehen von Live-Photos) auch Audio- und Videomitschnitte
des Konzertes für die Nachwelt festzuhalten,
begannen wir dann auch gleich mit den ersten provisorischen
Aufbauten und Installationen am Ort des nächtlichen
Geschehens - der wunderschönen alten Schloßkapelle.
Dann hatten wir erstmal eine Weile Freizeit die viele
von uns dazu nutzten, das beeindruckende Schloß
und sein Museum auf eigene Faust zu erkunden und dabei
einige schöne Photos in historischer Kulisse
zu schießen. Ich persönlich war, auch aus
„beruflichen“ Gründen, von den historischen
Räumlichkeiten und den dort ausgestellten Exponaten
hellauf begeistert - Um so mehr wurde mein idealistisches,
menschenfreundliches Weltbild erschüttert als
ich erfuhr, daß das Museum in keinster Weise
staatlich subventioniert wird.
In Gedanken verfasste ich ein Essay über die
rot-grüne Kultur- und Finanzpolitik und schritt
daraufhin, in
(Opium-)Träumen schwelgend und Gedichte von E.A.Poe
vor mich hinmurmelnd, in Begleitung meiner gesamten
Familie durch die alten Gemächer und nahm als
Andenken nur einige wenige Kleinigkeiten mit...
Nun wurde es langsam Zeit, unsere rituellen Gewänder
anzuziehen da wir die Reize des Schlosses für ein
paar hübsche Bandphotos nutzen wollten. Nach 12759866
(Ein-)Stellungen, Ablichtungen und einer Odyssee durch
Festsaal, Kaminzimmer, Treppen und durch rote,
grüne, gelbe und violette Schlafgemächer fanden
wir uns für die „letzten“ Aufnahmen
in den Kellergewölben ein. Wir räumten also
Knochen und Tierleichen beiseite und positionierten
uns vor dem Tor des Hades. Dabei gaben wir uns große
Mühe, trotz eingeschlafener Arme, Beine und unerfreulichen
Krämpfen in diversen Körperteilen (vor allem
in der Augenmuskulatur) nicht allzu schmerzerfüllt
auszusehen (zumindest nicht mehr als erwünscht).
Als nächstes standen die letzten Proben auf dem
Programm. Zur Abwechslung wurden auch hierbei (neben
Ton- und Videoaufnahmen) einige Photos gemacht, wobei
sich unsere Photographinnen und Kamerafrauen nach
Kräften bemühten, die Bühne und die
sich dort befindlichen Protagonisten aus jedem Winkel
und jeder
(un-)möglichen Position der Kapelle für
die Ewigkeit einzufangen. Wie entfesselte Dschinns
wirbelten sie durch die Gegend, so daß nicht
einmal die kleinste unserer unkontrollierten Zuckungen
-das Blut begann gerade in unseren noch nicht abgestorbenen
Körperteilen langsam wieder zu fließen-
ihrem gnadenlosen Fokus entgehen konnte.
Wir waren begeistert von dem ehrwürdigen Ambiente
und der guten Akustik des Raumes. Zudem waren wir
hoch erfreut darüber, daß alle Instrumente
(also auch das meine - bekanntlich das diskreteste
in unserer sympathischen Runde) sowie natürlich
der Gesang auch ohne elektronische Verstärkung
klar und deutlich vernehmbar waren.
Nachdem aus musikalischer Sicht endlich alle Klarheiten
beseitigt waren, zogen wir uns müde, traurig
und enttäuscht von der Mühsal und dem Elend
dieser Welt in den Backstagebereich zurück -
Wir leiden sehr unter Stimmungsschwankungen... Naja,
ich zumindest.
3. Das Konzert
Im Zwielicht der spärlich beleuchteten Kirche
erwarteten fünf tief in sich ruhende, vor Inspiration
bebende Instrumentalisten das hereinströmende
Volk. Ich begann gerade einzunicken, als mich ein
tosendes „Schhhhhhhhhhhhhh!!!“, laut und
kräftig wie das mächtige Rauschen des unterirdischen
Styx, aus meiner Lethargie riß. Welches urzeitliche,
infernalische Geschöpf hatte dieses Geräusch
ausgestoßen? Es konnte unmöglich von einem
menschlichen Wesen stammen, und so wurde es in den
Reihen der Zuschauer auch schlagartig still - nur
ein vereinzeltes ängstliches Wimmern war zu hören.
Ich hatte gerade noch die Zeit mich zu besinnen wer
ich war, wozu ich hier saß und welche Funktion
diesem Gerät zwischen meinen Beinen zukam, als
ich unverzüglich aufhörte zu wimmern und
mich von den dunklen, treibenden Rhythmen der Tablas
in eine tiefe Trance versetzten ließ.
Rausch
und Ekstase nahmen ihren Lauf. Pur und unvermittelt
hörte man die nackten, hypnotisierend schwingenden
Klänge der Instrumente und der betörenden
Stimme der chthonischen Göttin. Da wir gänzlich
unverstärkt spielten, wie bereits erwähnt,
entstand eine intime Beziehung zwischen Musikern, Publikum
und dem alle umschließenden sakralen Raum mit
seiner wunderbaren Akustik - Kein Ton, kein Wort und
kein düsterer Gedanke konnte hier verloren gehen
.
Man wurde Teil eines Farben- und Bilderrausches aus
Feuer, Stein, Holz, Kostümen und der leidenschaftlichen
Performance der Göttin, die zwischen herausfordernder
Laszivität und schüchterner Unschuld keine
Gefühlsregung unberührt ließ, während
der würzige Duft fremdländischen Räucherwerks
sich seinen ätherischen Weg durch die Reihen
des bunt gemischten Publikums bahnte...
Doch wie dem Rausch die Ernüchterung, dem Licht
die Finsternis und dem Sex unweigerlich das rasche
Einschlafen folgt, so folgte auch unserer Darbietung
der Abschied vom Publikum, welches uns durch das landes-
und kulturübliche Klatschen enthusiastisch seiner
Annerkennung versichte.
4. Das letzte Ma(h)l
Im Anschluß gab es noch eine kleine Autogrammstunde,
bei der verschiedenste Materialien von uns signiert
wurden - begleitet von einem regen Austausch von Freundlich-
und Körperflüssigkeiten.
Band und Fans hatten hierbei die Gelegenheit, sich
über die Wahrnehmung der Show auszutauschen und
einige Erinnerungsphotos zu machen.
Den krönenden Abschluß bildete ein festliches
Opfermahl, vom Schloßherrn persönlich gespendet,
bei welchem trotz der späten Stunde höchst
interessante Gespräche auf beachtlich hohem Niveau
geführt wurden.
Obwohl einige von uns gerne noch einige Jahre geblieben
wären, vielleicht noch einen letzten Schloßrundgang
oder endlich mal ein paar anständige Photos gemacht
hätten, drängte die Zeit doch langsam zum
Aufbruch. Also verabschiedeten wir uns mit liebevollen
Umarmungen und leidenschaftlichen Küssen von
der gesamten Belegschaft, dem Schlossherrn, seiner
Gattin und den ehrwürdigen „Elben“
, tauschten Telefon- und Kontonummern aus, machten
noch einige letzte Photographien für unser Familienalbum
und begaben uns etwas melancholisch aber in tiefer
und aufrichtiger Liebe zueinander zurück ins
Raum-Zeit-Kontinuum .
Frederik