Persephone
Der Mythos um den Raub der jungfräulichen Göttin
von
Dr.
Oliver Hülden
Bis heute ist die Erinnerung an zahlreiche
antike Mythen wach geblieben. Einer davon ist die Erzählung
von Persephone und ihrer Entführung durch Hades. PERSEPHONE
haben sich nun diesen Mythos nicht nur als Namensgeber ausgesucht,
sondern haben ihn auch im eigenen Sinne für ihre Kunst
neu interpretiert. Insofern macht es Sinn, sich hier etwas
ausführlicher mit dem Mythos zu beschäftigen –
einer Geschichte von Liebe, Schmerz und Sehnsucht, von Wiedersehensfreude,
Neubeginn und Vergänglichkeit, von Leben und Tod. Die
folgende Schilderung des Mythos, von dem verschiedene antike
Versionen existieren, beruht im wesentlichen auf dem sogenannten
Demeterhymnus (eine weitere bekannte Version hat der lateinische
Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“ überliefert).
Dramatisches muß sich an den Ufern des Flusses Kephisos
nahe des griechischen Ortes Eleusis in mythischer Vorzeit
abgespielt haben. Die auch Kore (= Kornmädchen) genannte
Persephone, die schöne Tochter der Göttin Demeter,
pflückt auf der von üppigen Wiesen bedeckten Ebene
von Nysa mit den Töchtern des Okeanos Blumen. Plötzlich
wird diese friedvolle Idylle durch Hades gestört. Die
Erde bricht auf, und der Unterweltenherrscher braust auf seinem
Viergespann heran, reißt das sich sträubende Mädchen
zu sich auf den Wagen und verschwindet so schnell, wie er
erschienen ist. Persephones Hilferufe verhallen jedoch nicht
ungehört, sondern dringen bis ans Ohr der Mutter. Diese
eilt, verzweifelt die Tochter suchend, von Ort zu Ort. Ovid
überliefert zudem, daß die Göttin jeweils
eine Fichte zur Hand
| Oliver Hülden
ist promovierter Klassischer Archäologe
und lebt in München. Er beschäftigt
sich neben "gewöhnlichen" archäologischen
Themen wie der lykischen Grabkultur oder antiken
Befestigungsanlagen auch mit der Rezeption
antiker Mythen in der heutigen Zeit. |
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nimmt, diese am Ätna entzündet, um mit Hilfe dieser
Fackeln auch des Nachts nach der Tochter suchen zu können.
Nach zehn Tagen trifft Demeter auf Hekate, die zwar das Rufen
vernommen, aber den Entführer gleichfalls nicht benennen
kann. Gemeinsam treten die Göttinnen vor den Sonnengott
Helios, dem nichts, was sich auf Erden zuträgt, verborgen
bleibt. Von ihm erfahren sie schließlich, daß
Hades für den Raub Persephones verantwortlich ist. Zeus
selbst steckt jedoch ebenfalls hinter der Entführung
und hat das Mädchen seinem Bruder als Gattin versprochen.
Das macht die Angelegenheit kompliziert, denn der Beschluß
des obersten Gottes läßt sich nicht so einfach
umstoßen. Rastlos und voller Trauer durchstreift Demeter
daher die Gefilde der Menschen. Ihr Groll schlägt schließlich
in Raserei um, und die Fruchtbarkeitsgöttin, die für
alles Wachsen und Gedeihen auf der Erde verantwortlich ist,
beginnt ihre Pflichten zu vernachlässigen. Die Folge
ist eine fürchterliche Hungersnot. Allen Menschen droht
der Tod, was unweigerlich dazu geführt hätte, daß
am Ende den Göttern keine Opfer mehr dargebracht worden
wären. Solch trübe Zukunftsaussichten rufen nun
Zeus auf den Plan. Nachdem Demeter durch nichts und niemanden
zu besänftigen ist, eilt Hermes auf seinen Befehl zu
Hades und fordert ihn auf, Persephone der Mutter zurückzugeben.
So leicht will sich der Beherrscher der Unterwelt aber nicht
geschlagen geben. Statt dessen gibt er Persephone den Kern
eines Granatapfels zu essen, weil er genau weiß, daß
diese in die Unterwelt zurückkehren muß, nachdem
sie dort Nahrung zu sich genommen hat. Auf diese Weise hintergangen
sieht sich Zeus zu einem Kompromiß gezwungen, mit dem
schließlich aber alle einverstanden sind: Persephone
verbringt zukünftig ein Drittel des Jahres als mächtige
Totengöttin in der Unterwelt bei ihrem Gemahl und die
anderen beiden Drittel bei ihrer Mutter. Fortan wird ihr Wandeln
zwischen Diesseits und Jenseits zu einem Symbol der wechselnden
Jahreszeiten. So erblüht die Natur, wenn Persephone im
Frühjahr auf die Erde kommt, und erstirbt, wenn sie wieder
in die Unterwelt hinabsteigt.
Wer nun PERSEPHONE kennt, dem dürften
nicht zuletzt aufgrund der Cover-Artworks von Joachim Luetke,
gewisse Gemeinsamkeiten mit der Umsetzung des antiken Mythos
in der Bildkunst des 19./20. Jahrhunderts auffallen. Hier
wie dort bildet eine von Melancholie geprägte künstlerische
Grundhaltung und Stimmung den Ausgangspunkt für ein einerseits
ähnliches und doch sehr verschiedenes ästhetisches
Konzept.